Seit knapp einer Woche habe ich nun vorlesungsfreie Zeit, was nicht bedeutet, dass ich frei hätte und in den Skiurlaub fahren könnte. Stattdessen verbringe ich gerade die Zeit damit, eine Dokumentarfilmübung, die so genannte F1, vorzubereiten und arbeite an anderen Projekten.
Zeit für mich, einmal für alle Interessierten ein erstes Fazit zu ziehen und darüber zu berichten, was mir persönlich das erste Semester als Produktionsstudent gebracht hat.
Ich werde es in den nächsten Tagen nach und nach veröffentlichen und immer auf ein Fach beziehen.
Teil 1 am heutigen Tag startet mit Filmgeschichte.
Filmgeschichte stellt bei mir ein Wahlpflichtfach da. Ich muss im Grundstudium (also in den ersten zwei Jahren) eins von diesen angebotenen Fächern nehmen und darin einen Schein machen, um mein Grundstudium abzuschließen. Im Hauptstudium (die letzten beiden Jahre) muss ich dann ein zweites Wahlpflichtfach belegen und darin auch wieder einen Schein machen.
Wenn man es jetzt natürlich clever anstellt, kann man in den ersten beiden Jahren schon alle notwendigen Scheine machen und dann im Hauptstudium sich damit nicht mehr belasten.
Ich hatte die Wahl zwischen Filmgeschichte, Literaturgeschichte, Musikgeschichte und Kunstgeschichte. Da ich mich persönlich ja echt als Niete im Bereich Literatur bezeichne, war meine Überlegung genau dieses Fach zu belegen, um mich einfach mal vor neue Hürden zu stellen.
Außerdem geht das Fach nur ein Semester, am Ende steht eine mündliche Prüfung. Nach langem Hin und Her wollte ich erst mal Filmgeschichte wählen und dachte mir, die Möglichkeit im Hauptstudium dann Literaturgeschichte belegen zu können, offen zu halten.
Filmgeschichte bietet sich in meinen Augen auch mehr als an, weil was bringt es, Film zu studieren und dann keine Ahnung von der Geschichte und der Entwicklung zu haben. Nachteil dieser Wahl ist die Länge von zwei Semestern und dem angeblich sehr langweiligen Dozenten.
Montags war nun mein Tag der Filmgeschichte. Wir bekamen vorab eine Übersicht über die zu behandelnden Themen und den damit verbundenen Filmen.
Es lief so ab, dass wir von 10 bis 12 Uhr im großen Kino eine Vorlesung zum Thema bekamen, gehalten von Prof. Peter Wuss, der auf diesem Gebiet seit Jahren Vorlesungen abhält und auch Bücher veröffentlicht hat.
Von 13 bis 15 Uhr gab es dann die Filmsichtung, und dann ab 15:15 bis 17 Uhr spätestens 3 kleinere Seminargruppen, in denen dann noch einmal detaillierter auf die Themen, Filme und Fragen eingegangen wurde und Pflicht-Referate gehalten wurden.
Mein Seminar gestaltete sich als durchaus interessant, außerdem hatte ich das Glück, einen durchaus kommunikativen und nicht-langweiligen Seminarleiter zu haben.
Unser Plan für das erste Semester sah folgende Themen und Filme vor:
1. Einführung in die Stilanalyse: Dogma ‘95
Film: “Das Fest” (1997) von Thomas Vinterberg
2. Anfänge des Films
Filme “Early Cinema” von Lumière, Méliès, Porter und anderen
3. Hollywod-Epos
Film: “Intolerance” (1916) von Griffith
4. Skandinavische Schulen
Filme: “Abgrund” (1910) von Gad, “Berg-Eyvid und sein Weib” (1918) von Sjöström
5. Deutscher Filmexpressionismus
Film: “Das Cabinett des Dr. Caligari” (1920) von Wiene
6. Deutscher Kammerspielfilm
Film: “Der letzte Mann” (1924) von Murnau
7. Sowjetrussischer Revolutionsfilm
Film: “Panzerkreuzer Potemkin” (1925) von Eisenstein
8. Französischer Poetischer Realismus
Filme: “A propos de Nice” (1929) und “l’ Atalante” (1933) von Vigo
9. Hollywood Continuity Cinema
Film: “Ärger im Paradies” (1932) von Lubitsch
10. Deutscher Realismus
Film: “Kuhle Wampe” (1932) von Dudow
11. Exkurs: NS-Film in Deutschland
Film: “Jud Süß” (1940) von Harlan
12. Sowjetrussischer Historienfilm
Film: “Alexander Newskij” (1938) von Eisenstein
13. Hollywood-Innovationen I
Film: “Citizen Kane” (1941) von Welles
14. Hollywood-Innovationen II
Film: “Der große Diktator” (1940) von Chaplin
Ein Blick auf die Liste zeigt schon die extreme Breite an Wissen, welches vermitteln wurde. Es war durchaus interessant, eine stetige Entwicklung des Mediums Film zu beobachten. Auch wenn einige dieser Filme einigen oder vielen nichts sagen mögen, sind einige wirklich beeindruckende Werke dabei gewesen.
Trotz alledem empfand ich Filmgeschichte als sehr anstrengend und kräftezehrend.
Das lag einmal an der stark monotonen Vorlesung am Vormittag. Prof. Wuss las konsequent von seinen Zetteln ab, schaut kaum zu den Studierenden hoch und sprach mit einer sehr monotonen Stimme, sodass sich sehr schnell Langeweile einschlich. Das Wissen jedoch war sehr ergiebig, und wenn man sich auf die Vorlesung eingelassen hat, konnte man eine ganze Menge mitnehmen.
Die Filmsichtungen waren auch sehr interessant. Besonders dann, wenn man Filme, die noch wirklich von einer Filmrolle kamen, sehen durfte, oder Filme, wie “Jud Süß”, die eigentlich nicht mehr offen gezeigt werden dürfen.
Hin und wieder überkam einem dann aber, besonders bei uninteressanteren Filmen, die Müdigkeit, und man begann zu schlafen und hing dementsprechend bei den folgenden Seminaren durch.
Was viele Leute, die nichts mit Film machen, gern vergessen: Es ist verdammt anstrengend, den ganzen Tag Filme zu gucken oder im Kino zu sitzen und sich dieses Wissen einzuhämmern.
Die denken immer, es wäre eine Art Spaß. Natürlich ist es das bis zu einem bestimmten Punkt schon, aber auf Dauer ist es eine anstrengende Routine.
Ich als Produktionsstudent habe Glück und muss für das Bestehen meiner Kurses lediglich ein Referat und eine Hausarbeit vorlegen.
Das variiert von Studiengang zu Studiengang.
Mein Referat hielt ich über “Deep Focus Cinematography” und “Filmschnitt im Bild” am Beispiel des Films “Citizen Kane” von Orson Welles. Sehr toller Film, ein durchaus spannendes Thema.
Der Anspruch an die Referate war nicht sonderlich hoch. Bei Einigen kam es mir schon nach dem typischen Wikipedia-Wissen vor. Ich tauche dann persönlich schon gerne in ein solches Thema ein und beschäftige mich damit, sodass ich persönlich von meinem Referat angetan war und es als durchaus gelungen hielt. Was nicht heißen soll, dass die anderen Referate minderwertig waren.
Aber der Anspruch konnte in meinen Augen nicht mit dem aus der Abitur-Zeit im Leistungskurs mithalten.
Ich denke, das es durchaus Sinn macht, sich mit der Geschichte dieses Mediums zu beschäftigen, wenn man es studiert. Ein Semester habe ich noch vor mir und dann habe ich den ersten Schein. Habe dann die Möglichkeit noch Filmgeschichte II zu belegen. Alternativ könnte ich Literaturgeschichte belegen, welches vom Zeit- und Leistungsaufwand sehr viel geringer anzusiedeln sein soll. Zumindest meinten das meine Kommilitonen, die es belegten und aufgrund von Ausfall nur insgesamt 2 Sitzungen hatten, dafür aber 5 Bücher lesen und eine mündliche Prüfung ablegen mussten.
Im Großen und Ganzen kann man aber, auch wenn die Vorlesung teilweise etwas dröge sind und auch dazu verleiten, sich anderweitig zu beschäftigen (Zeitung lesen, Emails sortieren oder Schlafen), eine ganze Menge interessantes Wissen aus den Vorlesungen und Seminaren mitnehmen. Ebenso empfinde ich es als wesentliche Wissensgrundlage sich mit der geschichtlichen Entwicklung dieses Mediums auszukennen und einfach auch die Anfänge des bewegten Bildes einmal gesehen zu haben. Schon alleine aus diesem Grund empfehle ich Jedem, diesen Kurs zu belegen oder ein vernünftiges Buch zu lesen, welches dieses Thema behandelt (und ich meine damit nicht nur James Monacos’ “Film verstehen”)
Soviel zum Thema Filmgeschichte im ersten Semester.
Als nächstes widme ich mich dem Fach “Dramaturgie”.
Bis dahin, viel Spaß bei den Oscars.