So, da bin ich wieder, zurück vom Dokfilm Festival in Leipzig.
Das Dokfilm Festival ist ein Dokumentar- und Animationsfestival, welches seit mittlerweile 51 Jahren in Leipzig veranstaltet wird, und sich in den letzten Jahren extrem gesteigert hat und nun kurz davor steht einen A-Festival Status zu erhalten.
Wir waren mit einigen Studiengängen der HFF von Mittwoch bis Samstag vor Ort und haben uns einige sehr interessante Filme angeschaut.
Hier möchte ich nun eine kleine Auswahl von Filmen geben, die im Programm liefen. Bei einigen der Filme ist es leider derzeitig so, dass sie weder einen Sendeplatz, noch einen Verleiher gefunden haben, sodass diese vorerst nicht offiziell zu sehen sein werden. Sehenswert sind etliche Filme definitiv, wenn sie also irgendwie veröffentlicht werden, erfahrt ihr es hier.
pereSTROIKA - umBAU einer Wohnung
Einer der ersten Filme, den ich mir angetan habe. Russisch mit englischen Untertiteln. Nicht gerade leicht, aber ein sehr interessanter und amüsanter Film, der im offiziellen Wettbewerb des Festivals lief. Inhaltlich beschäftigt sich der Film mit einer Gemeinschaftswohnung in St. Petersburg und dem Verkauf dieser. Das Problem ist, dass diese Wohnung von vier Besitzern bewohnt wird, die alle irgendwie bei diesem Verkauf die für sie beste Chance herausschlagen wollen.
Ein wahnsinnig interessanter Film über den Wohnungsmarkt in Russland und die horrenden Preise, die mittlerweile in Russland aufgerufen werden.
Harlan - im Schatten vom “JUD SÜSS”
Ein Dokumentarfilm über den Regisseur Veit Harlan, den bedeutendsten Regisseur in der NS-Zeit und Regisseur des verbotenen Propagandafilms “JUD SÜSS”.
Im Vordergrund steht hier besonders die Bedeutung des Films auf die Familie und wie Harlan persönlich mit dem großen “Erfolg” zur NS Zeit, aber auch in der Nachkriegszeit damit umzugehen hatte.
Ein sehr interessanter, wenn auch teilweise sehr langgezogener Film, der das Leben des Künstlers und die Reflektion auf den Film in unserer heutigen Zeit darstellt.
In die Welt
Ein sehr einfach gehaltener Film über den Alltag in einer Wiener Geburtenstation. Der Film erzählt im Stile des DIRECT CINEMA das alltägliche Treiben, von den Erst-Gesprächen, über Ultraschall-Untersuchungen bis hin zu Normal- und Kaiserschnitt-Geburten.
Dabei beobachteten die Filmemacher lediglich die Handlung und inszenieren in keiner Art und Weise.
Ein sehr eingängiger Film mit einigen sehr interessanten Details. Nicht gerade das Prickelndste wie eine Geburt von statten geht, aber immer wieder ein biologisches Wunder.
René
Die Filmemacherin Helena Trestikova begleitete 20 Jahre lang den damals 14-jährigen René, der aufgrund unterschiedlicher Delikte immer wieder ins Gefängnis muss. Immer wieder beginnt René von Neuem, scheitert, schreibt erfolgreiche Bücher und verfällt dem Drang wieder von Neuem.
Ein wahnsinnig intensiver Film mit einem eindrucksvollen Protagonisten im Wandel der Zeit und dem Verfall von Gesellschaften. Einer der Favoriten auf die Goldene Taube 2008.
Paraguay in the Headlines
Ein sehr erschütternder Film über den Brand in einem Einkaufszentrum 2004 in Paraguay. Damals kamen knapp 400 Menschen in den Flammen ums Leben, nachdem die Tore geschlossen wurden, um Plünderungen vorzubeugen. Der Film schildert in eindrucksvollen Bildern die Ereignisse am Tag und die langwierigen darauf folgenden Prozesse, in denen immer wieder deutlich wird, dass der Staat und die Judikative auf Fundamenten der Korruption beruhen.
Extreme Ausschreitungen bei den Betroffenen und Straßenschlachten schildern eindrucksvoll den Unmut der Menschen auf die Rechtssprechungen. Bis heute ist nicht ganz klar geklärt, was vor Ort passierte und Schuldige immer noch nicht gefunden.
Blind Loves
Ein slowakischer Film über das Leben von Blinden. Wie erleben Blinde das erste Treffen, den Alltag zu Zweit, die Ankunft eines Kindes? Diese Fragen versucht der Regisseur Juraj Lehotsky in phantasievollen und peotischen Bildern zu beantworten. Der Überraschungserfolg von Cannes.
Ein wärmstens zu empfehlender Film, der zu Tränen rührt. Ein weiterer Film im Offiziellen Wettbewerb des Festivals.
Kategorie C
Wahrscheinlich der umstrittenste Film des Festivals, der in allen Vorstellungen ausverkauft war und wirklich schwer war, an Karten zu kommen.
Die härtesten Rivalen, Hooligans und Ultras: FC Sachsen und LOK Leipzig.
Der Film versucht die Umstände zu beleuchten, unter denen die Fans der verfeindeten Fussballvereine immer wieder aufeinander treffen und die in regelrechten Gewaltorgien ausarten.
Zu Wort kommen Fans der beiden Vereine, selbst gedrehte Homevideos der Kämpfe bestimmen Teile des Films. Der Film zeigt aber auch die andere Seite, die Aggression der Polizei und SEK gegenüber der Fans.
Am Tag der Premiere waren Sicherheitsvorkehrungen im Kino und darum von Nöten, um den anwesenden Fans der Vereine im Falle von Ausschreitungen entgegen zu wirken. Es blieb jedoch ruhig. Der Film beleuchtet ein durchaus aktuelles und hoch brisantes Thema und versucht Einblicke in die Welt der Fans zu geben. Ob es dem Film wirklich gelungen ist, wage ich zu bezweifeln. Um in solche Kreise einzukehren, bedarf es schon einige Kontakte und Vertrauen. Die Frage ist, in wie weit man eine subjektive Dokumentation über ein solches Thema machen kann, wenn man eigentlich stark involviert ist und das Vertrauen der Fans hat. Auch überzeugte der Film nicht sonderlich von der inhaltlichen Dramaturgie und schweifte des Öfteren zu anderen Dinge ab.
Traurig ist jedoch zu sehen, dass ein solcher Film, der sich mit einem solchen aktuellen Thema beschäftigt, wenig Chancen hat, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. Bisher ist kein Sender und kein Verleiher bereit, den Film in sein Sortiment aufzunehmen. Eigentlich schade.
Sollbruchstelle
Und wieder ein Film im Offiziellen Wettbewerb.
Ein Film von der dffb in Berlin, der unterschiedliche Menschen und ihre Ansicht von Arbeit zeigen.
Ein Mann, der in der Firma nicht mehr gebraucht wird, aber bezahlt wird, einer der tagelang auf einem Pfahl sitzt und Menschen, die lernen sich zu verkaufen.
Ein sehr eindrucksvoller und starker Film, der mit einer tollen Kameraarbeit und sehr starken Menschen auftrumpfen kann. Erschreckend und aufwühlend.
Alles in Allem habe ich mir eine ganze Menge Filme angetan. Einige waren nett, aber nicht wirklich nennenswert und bei Einigen bin ich dann im Kino doch eingeschlafen.
Ich bin sehr gespannt auf die Bekanntgabe der Gewinner. Ich werde euch natürlich auf dem Laufenen halten.
In diesem Sinne, viel Spaß beim Gucken, wenn ihr irgendwie mal die Möglichkeit dazu bekommt.
Paule