So, willkommen zurück, zum zweiten Teil der Bewerbung an der HFF.
Hier geht es nun um die dramaturgisch-wissenschaftliche Analyse eines Films, freier Wahl.
Lange habe ich überlegt, was man am besten nimmt. Nimmt man jetzt einen bekannten Film oder einen weniger bekannten Film? Nimmt was Deutsches oder was Fremdes?
Nimmt man einen Hollywoodfilm oder einen Arthouse-Film?
Lange gingen die Überlegungen hin und her und ich hatte zeitweise darüber nachgedacht, “Kampfansage - Der letzte Schüler” zu nehmen. Aber dann fiel mir ein, dass ich 2002 “das Experiment” von Oliver Hirschbiegel gesehen habe, welcher mich damals dermaßen gefesselt hat, dass ich wirklich schweißgebadet den Fernseher ausgeschaltet habe.
Das war für mich Ausschlag gebend genug, diesen Film zu wählen.
So habe ich mich als hingesetzt und mir den Film mal wieder angeschaut. Und, egal wie oft man ihn sich anschaut, er verliert einfach nicht an Wirkung. Er ist jedesmal erschreckend und fesselnd.
Da ich mich bereits vor einigen Jahren ein wenig mit der Dramaturgie in Filmen beschäftigt habe und das Buch von Syd Field Drehbuchschreiben für Film und Fernsehen gelesen habe, begann ich den Film auf Grundlage des dort angesprochenen Aufbaus unter Berücksichtigung des Paradigmas zu untersuchen.
Beschrieben wird darin der Aufbau in drei Akten, Exposition, Konfrontation und Auflösung.
Diesen drei Akten geht jeweils immer ein Plot Point zuvor, welcher eine Aktion beinhaltet, die die Handlung in die jeweiligen Richtung wendet.
Heißt soviel wie, dass wir am Anfang ein Einführung der Charaktere und ihrer Eigenheiten haben. Man lernt die Umgebung kennen und erfährt erste Dinge über die zu erwartende Handlung.
Nach knapp 20 Minuten (Zugrunde dieser zeitlichen Einteilung liegen 90 Minuten Film; ist der Film länger, werden die zeitlichen Abstände auch relativ verschoben) findet der erste Plot Point statt, der die Handlung in eine andere Richtung wirft und damit den Weg für den zweiten Akt öffnet, der Konfrontation. Dder Zuschauer befindet sich damit nun im eigentlichen Teil der filmischen Handlung und wird mit den wichtigten Aussagen des Films konfrontiert.
Dies geht halt so weiter, der Protagonist geht seinen Weg und wird vor diverse Herausforderungen gestellt, bis es zu einem zweiten Plot Point kommt. Dieser findet dann bei knapp 80 Minuten statt und eröffnet sowohl dem Protagonisten als auch dem Zuschauer den Weg in die Auflösung der Geschichte.
Man erfährt wichtige Details, die zur Lösung des Falles führen oder, wie im Fall von “Das Experiment”, die Gewalt in Form der blutigen Zerschlagung stattfindet, was dann zur letztendlichen Entwicklung im dritten Akt, der Auflösung, führt.
In Diesem findet dann halt der letzte Teil statt und es wird versucht die Aussage noch einmal zu formulieren.
Diesen dramaturgischen Grundaufbau habe ich für diesen Film gewählt, weil er einfach so offensichtlich ist, dass er demnach auch sehr einfach zu formulieren ist.
Es wird nicht verlangt, dass man alle wichtigen Details einer Drehbuchanalyse durchführt, aber man sollte schon einige Grundkenntnisse aufweisen können, um diese Aufgabe bewältigen zu können. In der mündlichen Prüfung findet dann teilweise schon noch einmal eine kurze Auseinandersetzung mit dem Drehbuch statt, sodass man schon in der Materie stecken sollte.
Mein konzeptioneller Aufbau der Analyse sah folgendermaßen aus.
Ich führte in zwei kurzen Sätzen Grundwissen über den Film ein.
Oliver Hirschbiegel verfilmte im Jahre 2001 den Roman „Black Box“ von Mario Giordano.
Es basiert auf den Ereignissen des 1971 durchgeführten Stanford-Prison-Experiments.
Danach begann ich in einigen Sätzen, den Inhalt des Films widerzugeben. Dieser Teil ist durchaus schwierig. Aber für alle sollte dies machbar sein, vor allem weil man es zu genüge im Deutschunterricht behandelt hat. Ich habe für mich immer wieder die Technik entwickelt, erstmal alle Gedanken in Sätzen zu formulieren und danach zusammen zu fassen, zu kürzen oder umzuforumulieren.
Man sollte hier schon beginnen, wichtige Teile heraus zu formen, die für die Geschichte notwendig sind, und vor allem die Teile der Handlung anzusprechen, die man im nächsten Teil der Analyse als Plot Points ausgibt. Auch soll dieser Teil eine Wiedergabe des Inhaltes sein, sprich ihr baut keinen Cliffhanger auf und gebt das Ende preis.
Der nächste Teil des Analyse beschäftigt sich dann mit der dramturgisch-wissenschaftlichen Analyse. Hier fließen die Überlegungen ein, die man sich vorher anhand von externen Quellen gebildet hat.
Als Quellen habe ich hier, neben Wikipedia und ein Presseheft der Bundeszentrale für politische Bildung, den Audiokommentar des Films angegeben. Im Allgemein kann ich Audiokommentare auf DVDs fast immer empfehlen, weil sie interessante und teilweise vielschichtigere Einblicke in die Entwicklung des Films geben. Der Regisseur Oliver Hirschbiegel und der Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu sind hier teilweise sehr detailiert auf die Entwicklung des Drehbuchs, aber auch auf wichtige Aspekte der Produktion eingegangen. Die Arbeit mit den Schauspielern, die szenografische Entwicklung und die angestrebten Gefühle, hervorgerufen durch Farben und Bauten, standen hier besonders im Vordergrund.
Man geht dann also den Audiokommentar durch und notiert sich wichtige Dinge, die man irgendwie mit einfließen lassen möchte.
Und dann geht der wohl schwierigste Teil des Ganzen los. Wie bringt man seine Notizen, die alle völlig willkürlich sind, in eine logische Abfolge.
Dies bedarf schon einiger Zeit und einiges an Frust.
Wichtig ist, dass man versucht, die Grundessenz des Films zu formulieren. Hierauf wurde auch in meiner mündlichen Prüfung noch einmal etwas detailierter eingegangen, worum es in diesem Film denn letztendlich geht und warum dieses Thema
1) für diesen Filmgewählt wurde und
2) warum ich diesen Film, trotz seines gewissen Alters der Geschehnisse gewählt habe.
Hirschbiegels erster Spielfilm beschäftigt sich sehr beklemmend mit der Frage, in wie weit „Aggressionen, Gewalt und Verbrechen in einem totalitären System entstehen können, in welchem eine Gruppe mit uneingeschränkter Macht über eine andere verfügen kann.“ (Zitat: Wikipedia)
Sobald man dann die ersten Sätze irgendwie sinnvoll gestaltet hat, beginnt es schon zu fließen. Ich habe versucht, mich konzeptionell an der Abfolge der filmischen Handlung zu orientieren, um einen roten Faden in die Analyse zu bringen.
Ich versuchte auf gewisse filmische Aspekte wie Einsatz von Farben, Einstellungen und Art und Weise der Kameraführung einzugehen und zu interpretieren.
Der Zuschauer befindet sich bisher in recht offenen Umgebungen, fernab von engen Räumen. Sobald die Männer jedoch den Gefängnistrakt betreten, kippt dies. Der Zuschauer befindet sich nun mit den Versuchspersonen in engen, in grau-grün gehaltenen Zellen und Gängen, überwacht von Kameras. Man bekommt schnell einen Eindruck, wie es für die Gefangenen sein muss, sich zu dritt eine Zelle teilen zu müssen, abgetrennt durch unzerstörbare Wandverkleidungen von den anderen Zellen.
Zwischen den filmischen Aspekten habe ich immer wieder die dramaturgischen Entwicklungen eingeflochten.
Die erste entscheidende Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien findet nach knapp 34 Minuten statt, als die Wärter mit Feuerlöschern auf die Gefangenen losgehen. Bereits hier zeichnet sich für den Zuschauer ein krasser Bruch in der Dramaturgie ab. Ab diesem Zeitpunkt befinden wir uns im zweiten Teil des Films, der Konfrontation.
Die Gefangenen beginnen sich unterzuordnen, erfahren Erniedrigung durch Singen, Hand-in-Hand-gehen und anderen Strafen. Die Wärter auf der anderen Seite leben sich mehr und mehr in ihre Rollen hinein. Besonders geht hier Berus hervor, der von einem anfangs gemiedenen Aussenseiter zu der treibenden Kraft der Wärter und ihrer Gewalt wird.
Man sollte auch schauen, dass man ein wenig auf die Charaktere und deren Entwicklung von Anfang bis Ende eingeht. Besonders schön sind ja Entwicklungen immer an dem Protagonisten darzustellen. Mir fiel es jedoch leichter, den “Reifeprozess” des Antagonisten zu zeigen.
Seine Statur und sein Aussehen ändert sich, seine Frisur entwickelt sich von einer Fönwellenfrisur zu einem allglatt gescheitelten Stil und auch seine Bemerkung gegenüber die Versuchsleitung „Sagen Sie mir nicht, wie ich meine Arbeit zu machen habe!“ nach 65 Minuten zeigt, dass der Antagonist seine Entwicklung zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen hat.
Den Abschluss meiner Analyse bildete dann ein kurzes Fazit bzw. Interpretation der Geschehnisse.
Der Film zieht durch einige Ereignisse und Verhaltsmuster deutliche Parallelen zur Machtergreifung der Nazis. Die Wissenschaftler als „schwache Regierung“ sind nicht in der Lage sich gegen eine kleine radikale Gruppe, die Wärter, zu stellen. Deren Gefahr wurde so lange ignoriert, bis es schon zu spät war.
Im Gegensatz zur Gewalt und Aggression, welche sich durch den kompletten Film zog, bildet der Abschluss ein dialogloser stiller Moment, in dem Dora und Tarek am Strand sitzen und auf das Meer schauen.
Auch war mir noch wichtig am Ende des direkten Vergleich zwischen den ursprünglichen Geschehnissen des Stanford-Prison-Experiments und dem Film “Das Experiment” aufzuzeigen.
Der Regisseur Oliver Hirschbiegel nahm die Vorfälle des Stanford-Prison-Experiments von 1971 als Grundlage für seinen ersten Spielfilm. Im Gegensatz zu der Handlung in seinem Film wurde das Experiment vorzeitig abgebrochen, als die Wärter sadistische Züge annahmen und etliche Gefangene unter extremen Stresssituationen litten.
Der Film denkt die Geschichte weiter, was eventuell passiert wäre, wenn die Versuchsleitung nicht eingegriffen hätte.
Auch ist eine Quellenangabe nach den üblichen Normen durchaus zu empfehlen, damit die Dozenten einen Einblick dafür bekommen, auf welche Quellen man sich bezogen hat.
Wer nur alles aus Wikipedia abgeschrieben hat, wird hier nicht weit kommen.
Ich empfehle es jedem, nach der ersten Niederschrift, sich zusammen mit jemanden Ausstehenden hinzusetzen, und das Ding zu überarbeiten. Natürlich empfielt es sich immer, jemanden zu haben, der den Stoff auf kennt. Ich hatte eine Freudin, die den Film nicht kannte, aber anhand meiner Analyse alles Wichtige verstanden hat.
Dies war durchaus ein hilfreiches Stück.
Die Filmanalyse sollte zwei Din A4 Seiten lang sein. Auch hier empfiehlt es sich wieder, sich an die Regeln zu halten und gegebenfalls lieber Aspekte der Analyse rauszustreichen, als auf mehr Seiten zu gehen. Auch sollte die Formattierung einen angemessen Standard entsprechen und nicht mit Schriftgröße 6 gearbeitet werden, nur um mehr in den Inhalt zu stecken.
Wie sooft ist weniger manchmal mehr.
In diesem Sinne, viel Spaß beim Schreiben.
Im nächsten Artikel gehe ich weiter auf die erforderlichen Dinge der Bewerbung ein, wie den Lebenslauf, die Praktikumsnachweise und erforderlichen Selbsteinschätzungen.
Bis bald,
Paul
[...] Film funktioniert und welche Form die Üblichste ist. Diese Struktur habe ich bereits in meinem Bericht zur Filmanalyse am Beispiel von “Das Experiment” für meine Bewerbung beschrieben. Da dies ein doch etwas umfangreicherer Einblick in die Materie ist, werde ich darauf [...]