Ich wollte den gestrigen Abend so kurz vor der Berlinale noch nutzen, um wenigstens einen Film zu sehen: Benjamin Button. Während der Berlinale Zeit wird das Cinemaxx am Potsdamer Platz ausschließlich für die Berlinale genutzt und ich kann mit meiner Flatrate-Card nicht ins Kino.

Nun ja. Wo fange ich an? Seitdem im Sommer 2008 die ersten Bilder und Ausschnitte kursierten, stieg bei mir die Vorfreude auf diesen Film. Nicht nur, weil ihn David Fincher (Fight Club, The Game, Zodiac, Sieben) gedreht hat, sondern auch wegen des Drehbuchautors Eric Roth (Forrest Gump).
Kurz zu Geschichte, die wahrscheinlich jeder mittlerweile kennt.
Benjamin Button wird am Ende des 1. Weltkrieges in New Orleans geboren. Nur leider altert er rückwärts, wird als alter Mann geboren mit allen dazugehörigen Altersmacken und wird immer jünger, während die Menschen in seiner Umgebung normal altern.
Er wächst in einem Altersheim auf und lebt sein Leben, trifft auf unterschiedlichste Menschen, verliert sie wieder aus den Augen. Durch sein ganzes Leben zieht sich, wie bereits in Forrest Gump, die Liebe zu Daisy, mit der er seit Kindstagen befreundet ist. Sie wird zu einer arroganten aber erfolgreichen Ballerina, während sich Benjamin als Matrose auf einem Schlepper anheuern lässt.
Das Ganze wird dramaturgisch von einer in der heutigen Zeit angesiedelten Rahmenhandlung gehalten.
Die greise Daisy liegt im Sterbebett eines Krankenhauses, während sich draussen der Sturm “Katrina” nähert. Ihre Tochter liest ihr aus dem Tagebuch des Benjamin Buttons vor und fungiert somit als Erzählerin des Films.
Der Film streckt sich über 3 Stunden.
Und wenn ich strecken sage, dann meine ich das auch.
Forrest Gump war vom Aufbau sehr ähnlich, ein etwas “anderer Mensch” gewährt Einblick in sein Leben, der Zuschauer begleitet ihn durch die Jahrzehnte, getragen von einer Liebesgeschichte.

Ich bin an sich ein großer Fan von David Fincher und seiner Filme. Ein Freund von mir meinte nach Zodiac, dass er der Meinung wäre, Fincher hätte autistische Grundzüge, da er mit einer Detailverliebtheit seine Geschichten erzählt und sich teilweise auch in kleinsten Dingen verstrickt, die sonst wahrscheinlich keiner angehen würde.

Genau dieses fehlte mir an “Benjamin Button”.
Dramaturgisch sollte ein Film schon eine gewisse Änderung des Protagonisten, in diesem Falle Benjamin, mit sich bringen. Nur leider ist unser Protagonist in diesem Film sowas von langweilig und monoton, dass man irgendwann anfängt, ein wenig abzuschalten.
Die Erzählstimme von BB, die immer wieder als Voice-Over auftaucht, reißt den Film teilweise echt runter, gibt ihm eine Monotonie. Im Endeffekt ist BB ein extrem langweiliger Typ, hat keine Freunde, niemanden, mit dem er zusammen Interessen nachgehen kann. Hobbies, wie sie Gump hatte, und an denen er sich orientierte und damit wieder Leute mitriss, fehlen bei BB total.
Okay, BB ist ein Aussenseiter, aber auch Aussenseiter sollten, zumindest bei einer Filmlänge von mehr als 3 Stunden, irgendwie etwas aufweisen, was sie interessant macht.
Brad Pitt ist und bleibt ein fabelhafter und toller Schauspieler. Man gucke sich Filme wie Fight Club, Sieben oder auch Babel an. Aber meiner Meinung, ist die Show, die er in BB abzieht, nicht oscarwürdig.

Cate Blanchett ist und bleibt in meinen Augen eine wunderbare Darstellerin. Sie hat eine sehr weite Bandbreite, die sie immer wieder überzeugend verkörpern kann.
Auch dieses Mal empfand ich sie als sehr interessant, auch wenn sie ans ich eine sehr unsympathische und auf-sich-bezogene Person verkörpert. Die Ignoranz, mit der sie teilweise auftritt und alles um sich herum verliert, nur um sich gekonnt in den Mittelpunkt zu stellen, ist einfach fabelhaft. Auch in den späteren Jahren ist sie und bleibt sie eine teilweise unsympathische, aber auf der anderen Seite wiederum sehr sympathische Frau. Der Schmerz, der ihr später zugefügt werden soll, trifft den Zuschauer plötzlich mehr, als den Schmerz, der an BB ausgetragen wird.

Trotz alledem bleibt der Film vorrangig eine Effektschlacht.
Was wir sehen ist meist ein digitaler Brad-Pitt-Kopf auf einem Körperdouble oder ein komplett digitaler Körper. Es ist wunderbar mit anzusehen, wie sich BB immer mehr verändert. Vor Jahren wäre diese Umsetzung vielleicht nur mit unterschiedlichen Schauspielern möglich gewesen. Aber das ein Schauspieler in diesem Film alle Alter spielt, dass ist etwas Neues und durchaus sehr gut gelöst. Ich wage trotz alledem zu bezweifeln, dass der 5 jährige BB am Ende ebenso von Brad Pitt verkörpert wurde.
Aber ein rein auf Effekte bezogener Film kann, auch wenn er noch eine wie vom Spiegel titulierte “schönste Liebesgeschichte seit Titanic” habe, nicht überzeugen, wenn das dramaturgische Grundgerüst und die Kausalität und vor allem Integrität hinter solchen Stoffen fehlt.

Auf der anderen Seite sehe ich jedoch auch wirklich tolle Dinge an diesem Film, die mir sehr gefallen haben und auf kleinen Wegen wieder an gute David Fincher Zeiten erinnert haben.
Die “was-wäre-wenn-Sequenz” in Paris ist ein solches Beispiel, in der die gute Detail-Verliebtheit gepaart mit einem grandiosen Schnitt eine wunderbare kurze Situation erzählt hat.
Leider wurde dies kurz danach wieder über den Hauen geworfen, als der eigentliche Unfall dann doch noch gezeigt wurde und somit alles, was bei mir als Zuschauer vorher aufgebaut wurde, wieder irgendwie zunichte gemacht wurde. Hätte man es so gelassen, dass “das Taxi vorbei gefahren wäre”, dann wäre das in meinen Augen ein wunderbarer Abschluss gewesen. Man muss dem Zuschauer meiner Meinung nach nicht alles derartig vorkauen. In einer solchen Situation, wenn BB in einem Krankenhaus sitzt um Daisy zu besuchen und er erzählt in Rückblenden diese Geschichte, dann sollte der Zuschauer in der Lage sein, sich das Bild selbständig zu vervollständigen.

Eine weiter Sache, die ich grandios fand und konsequent durchgezogen empfand, war die Umsetzung der Rahmenhandlung. Sie spielt sich durchgehend in einem Zimmer bzw. dem Flur vor diesem Zimmer ab, während draußen der Jahrhundertsturm “Katrina” beginnt zu wüten. Man erfährt alle notwendigen Details über das, was da draußen vor sich geht, über den Fernseher oder die Krankenschwestern. Es gibt gar keinen Grund aus diesem Raum heraus zu gehen, um mehr zu zeigen. Ich war sehr froh, als selbst am Ende des Films dieses beibehalten wurde und konsequent auf die Erzählweise gesetzt wurde.

An sich ist es ein schöner Film mit einer sehr interessanten Grund-Geschichte, einer wunderbaren Ausstattung und tollen Bildern.
Leider können teilweise weder die Darsteller, noch die Dramaturgie wirklich mithalten und lassen diesen Film größtenteils langatmig und monoton daherkommen.
Der Film hinterlässt bei mir Nichts, was ich mir in der Bahn nach Hause noch einmal durch den Kopf gehen lassen würde, keine Anspielung auf ein Thema, keine Aussage, die der Film bei mir hinterlassen wollte.
Und wenn dies geschieht, dann ist es in meinen Augen kein guter Film.
Kein Anwärter auf 13 Oscars.
Weder für Bester Hauptdarsteller (Brad Pitt), eher Beste Hauptdarstellerin. Weder für Bester Film, noch für Beste Regie. Da empfand ich die Arbeit an THE DARK KNIGHT und das Ergebnis wesentlich besser und überzeugender.

In diesem Sinne,
bis bald.

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Comments

maxe on 5 Februar, 2009 at 18:04 #

wie am telefon gesagt: ich bin froh, dass ich so gar keine ambitionen hatte, den film zu sehen. ich hätte mich ja in den arsch gebissen, wenn du mich überredet hättest. oder hätte ich dir in den arsch gebissen?!? man weiß es nicht…


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