Ehrlich gesagt klingt es für den Einen oder Anderen, der mich kennt, seltsam, dass ich zu Leonard Cohen in die O2 World gehe. Verdanken tue ich diesen wunderbaren Abend meinem Vater, der mir eine seiner Karten schenkte. Und ich bereue es überhaupt nicht. Auch wenn ich den Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit eventuell doch etwas gemindert habe. Ich falle ja nun nicht wirklich in seine Zielgruppe.
Aber was solls, warum nicht mal auch etwas Anderes kennenlernen.
Knapp einen Monat, nachdem ich das letzte Mal in der O2 World war, war ich total überrascht, wie flexibel diese Halle doch ist. Sah sie nun komplett anders aus, was den Aufbau des Zuschauerraums angeht. Eine knapp 19×9 Meter große Bühne an dem Kopf der Halle (nicht wie bei Metallica eine Mittelbühne) mit zwei großen Leinwänden an den Seiten.
Die Bühne sehr minimalistisch gestaltet mit ausgelegtem Teppich und hängenden Seidentüchern.
Außer ein paar Songs wie “Suzanne” und “Hallelujah” und vielleicht “Dance me to the End of Love” kenne ich nicht wirklich viel von ihm, sodass ich von vornherein etwas skeptisch war, ob ich mich nicht langweilen würde, weil ich die Songs nicht zuordnen und vielleicht sogar mitsingen kann.
Überrascht wurde ich aber erstmal von der vorab eingespielten Musik, die unter anderem eine mir unbekannte Akkustikversion des etwas unbekannten Metallicasongs “To Live is to Die”, ein Tribut an den verstorbenen Bassisten Cliff Burton, enthielt. Total toll.
Aber meine Erwartungen an das Konzert wurden dann eines Besseren belehrt.
Begleitet von einer teilweise bis zu 8 Mann und 3 Chordamen starken Band betrat Cohen die Bühne. Mit einer Gelassenheit, Eleganz und Dynamik, die für einen 74-jährigen absolut unglaublich war.
Alle gekleidet in dunklen Anzügen mit Hüten, betrat auch der Meister die Bühne. Schwarzer Hut auf grauem Haar, den Hut auch immer mal wieder abgenommen vor der Brust haltend. Manchmal kniend vor dem Gitarrenspieler, manchmal einfach Augen geschlossend haltenden.
Begleitet von einem Sturm des Applauses ging es gleich zur Sache und er ließ nicht ab. Ein paar Songs erkannte ich dann doch wieder von einer der CDs, die ich habe. Aber diese kraftvolle, tiefe Stimme und diese Einfachheit der Musik, warfen mich einfach um.
Er stand oder kniete nur da und sang seine Songs. Ein spanischer 12-Saiten Gitarrenspieler spielte grandiose Soli, der Chor mit drei wunderhübschen Damen schmachtete mit Cohen um die Wette, der Drummer legte absolut angenehme Tempi vor, bei denen sogar ich den Takt halten konnte und die Musik ging einfach nur unter die Haut.
Ich gebe zu, dass es Momente gab, in denen ich mich dann doch lieber auf den Livemitschnitt konzentriert habe. Immerhin hatten sie ja zwei Leinwände, die ja auch gefüllt werden mussten.
Also versuchte ich im dunklen Raum mal mit zu zählen, wie viele Kameras denn nun im Einsatz waren und wo diese positioniert waren. Ich lag auch irgendwann richtig und war sehr beeindruckt davon, mit welcher Einfachheit diese grandiosen Aufnahmen gemacht wurden. 5 Kameras im Einsatz, eine davon über Fernsteuerung direkt drehbar auf der Bühne neben dem Drummer.
Leider waren unsere Plätze nicht die Besten, sodass wir etwas seitlich von halb oben auf die Bühne guckten. Deshalb halfen die Leinwände schon.
Ich hätte anfänglich auch nicht gedacht, dass die Halle voll werden würde, aber angeblich wurden alle 12000 Plätze gefüllt.
Wieder war ich beeindruckt von der Halle. Einfach eine tolle Akustik, auch wenn auf unseren Plätzen ein wenig viel Hall ankam. Aber was solls.
20 Minuten Pause nach einer Stunde Konzert gönnte sich der Meister, danach legte er noch mal gute 90 Minuten nach. Er wollte und wollte nicht aufhören.
Spielte auch selber Gitarre, die anfänglich nicht richtig eingestöpselt war und ihm ein Lachen aufzwang, als ihm ein Bandmitglied den Stecker richtig einsteckte. Nun ja, er ist halt auch nicht mehr der Jüngste.
Auch sein minimalistisches Pianospiel mitten auf der Bühne zog in Bann und war einfach großartig.
Er ist einfach ein begnadeter Künstler mit einer wahnsinnig tollen Stimme.

Und wenn man bedenkt, dass Leonard Cohen eigentlich nie wieder auftreten wollte, nachdem er einen buddhistischen Kloster beigetreten ist. Durch den Veruntreuung seiner Vermögens durch seine ehemalige Managerin sah er sich nun aber gezwungen, doch noch einmal auf Tour zu gehen.
Eigentlich ein sehr trauriger Hintergrund. Aber bei einen Menschen wie Leonard Cohen geht man das gerne ein, einfach um ihn und seine Musik noch einmal genießen zu können. Ich denke mal, dass ich irgendwann einmal behaupten darf, auf seinem letzten Deutschlandkonzert im Jahre 2008 dabei gewesen sein zu können. Traurig, aber ich bin mir sicher, dass auch er es weiß. Er wollte und wollte einfach nicht gehen und spielte Zugaben ohne Ende, hüpfte und sprang über die Bühne. Einfach unglaublich.
Vielen wird sein bekanntes Stück “Halleluja” nur als eine der vielen Coverversionen von Rufus Wainwright aus dem Shrek Soundtrack, Rea Garvey aus dem Barfuss Soundtrack, der U2 Version, Jeff Buckley aus “Die fetten Jahre sind vorbei” oder von John Cale aus O.C. California und Scrubs bekannt sein.
Ich habe diesen Song eine ganze Zeit lang in allen möglichen Versionen rauf und runter gehört, weil er einfach sowas von genial ist. Aber erst Cohen’s Original gab mir die Gänsehaut.
Nachdem er es dann auch irgendwann gespielt hat (mit dem kleinen hinzu gedichteten Text “I didn’t come all the way to Berlin to fool you”) und ich schon irgendwie in so einer Stimmung war “Gut, jetzt hat er alles, was ich kenne verschossen, jetzt kann es nicht mehr besser werden”, setzte er noch geile Songs nach. Immer wieder stellte er die Mitglieder seiner Band vor (insgesamt dreimal) und die Chordamen gaben noch einen Solosong mit Harfe und Akkustikgitarre von sich.
Er nahm ein letztes Mal seinen schwarzen Hut an die Brust, bedankte sich zum wiederholten Male für den Respekt der Zuschauer und “dass seine Songs durch ein solches Publikum lebendig gehalten werden”. Komisch, aber es klang so ehrlich, man nahm ihm alles einfach ab.
Um 23 Uhr war dann alles vorbei, ich fuhr nach Hause und zurück bleibt die Erinnerung an ein wunderbares Konzert.
Hallo! Ich war auch in der Halle, allerdings 67jährig. Für mich sang eine Ikone meiner Jugend. Es war ein unvergeßliches Erlebnis und auch Wehmut dabei. Leonard Cohen zum letzten Mal? Und das nicht nur wegen seines Alters.
Ihre Einschätzung gefällt mir sehr. Danke